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Naturwissenschaft
Botanik
Die Mandragora stammt aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), die in mediterreanem Klima vorkommt. Unterschieden werden drei Arten. Die verbreitetste ist Mandragora officinarum Linnaeus, auch: Mandragora acaulis Gaertn., Atropa mandragora (L.) Woodvillei, Mandragora vernalis Beriolini; Frühlings-Alraune, gelegentl.: männliche Alraune
Varianten: Mand. off. Linn. var. autumnalis, var. haussknechtii, var. hybrida, var. officinarum , var. vernalis
Die Mandragora off. Linn. ist eine mehrjährige Pflanze mit einer dicken, knolligen und tief gespaltenen Wurzel, die wiederum sehr kräftige Seitenwurzeln hat. DIese Art kann bis zu 50 cm lang werden, an der Erdoberseite ist jedoch lediglich die Blattrosette sichtbar: Diese zeigt dunkelgrüne Blätter von runzeliger Oberfläche, die bis zu 40cm lang werden können und sich am Rande kräuseln. Die glockenförmigen Blüten sind von violetter Farbe und zu mehreren in der Mitte der Blätter angeordnet. Die Herbstblüten fallen kleiner aus, die des Frühsommers tragen gelbe oder orangefarbene kugelige Beeren als Frucht. Grieve beschreibt die Botanik wie folgt
Eine zweite Art ist die Mandragora autumnalis Bertolini, auch: Mandragora autumnalis Spreng, Mandragora nu. crocarpa Bertolini, Herbst-Alraune, gelegentlich: weibliche Alraune, die etwas kleiner ausfällt.
Pharmakologie
Die Alraunwurzel enthält giftige Alkaloide (Scopolamin, Atropin, Apotropin, Hyoscyamin, Hyoscin, Cuskhydrin, Solandrin, Mandragorin und weitere Tropan-Alkaloide). Schon 1830 nutzte der japanische Arzt Seishu Hanaoka einen anästhesierenden Extrakt aus der Mandragora in der Chirurgie. Ernst Schmidt entdeckte 1888 das Scopolarnin in der Alraune.
Ab 0,1 mg Scopolamin auf 1kg Körpergewicht treten beim Menschen Halluzinationen auf, die über mehrere Tage andauern können. Alle Alkaloide der Alraune wirken psychoaktiv und können Schwindel, Angstzustände und Schlaflosigkeit verursachen. In schwereren Fällen kann es zu Toben und dem sogenannten Veitstanz kommen. Der aktiven Phase folgt dann oft ein paralytisches Stadium der Schläfrigkeit (Schlaftrunkenheit). In schwers- ten Fällen kommt es zum Tod durch Atemlähmung.
Bei Atropin liegt die letale Dosis je nach Verfassung zwischen 50 und 100 mg. Delirien und teilweise Koma sind schon ab 1 mg möglich. Ab 0,5 mg Mundtrockenheit, ab 1 mg Erweiterung der Pupillen, 3 mg Intoxikation mit Hitzegefühl, ab 4 mg Tachykardie und Sehstörungen, ab 5 mg zu Herzklopfen, danach zunehmende Vergiftungssymptome mit Wirkzeiträumen von über einer Woche. Die Aufnahme des Atropins ist auch über die intakte Haut möglich.
Gegenmittel sind: Medizinische Kohle und evtl. Physostigminsalicylat (0,5 mg bei Kindern und 2 mg i.m. bei Erwachsenen).
Über die aphrodisierende Wirkung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Als Heilpflanze ist die Alraune heute nicht mehr von Bedeutung.
Kulturgeschichte
Altes Testament
Über ein Wissen der Ägypter um die Mandragora bestehen Zweifel. Wahrscheinlich aber ist, dass die u.a. in der Genesis (Gen 30,14-16; Hld 7,14) genannte Pflanze dudai (pl. duda'im דודאים ), die sich bis heute auf den Bergen Hermon, Karmel und Gilboa findet, mit der Alraun identisch ist
(vgl. Löw 1924, III, 363-368; Zohary 1986)
Das »Egressus autem Ruben tempore messis triticeae in agrum, reperit mandragoras, quas matri Liae detulit« (Gen 30,14) der Vulgata übersetzt die heutige revidierte Luther-Bibel mit: »Ruben ging aus zur Zeit der Weizenernte und fand Liebesäpfel auf dem Felde und brachte sie heim zu seiner Mutter Lea.«
Die sonst mit der Gabe der Prophetie verbundene Pflanze hat hier empfängsnisfördernde Wirkung. (vgl. auch Mischra, Shir Hashirim 7,14). Darüber, dass hier die Alraune gemeint ist herrschte jedoch lange Umkenntnis. Noch Heinrich Heine kann von Helgoland an Ludwig Börne schreiben:
(hebr. מרדום, kann »der vom Stand her...« (vgl. Jes 24,4; Ijob 5,11; Koh 10,6) oder »moralisch« (vgl. Ps 73,8) »... Überlegene«) und qajah (קיא), »erbrechen« bzw. qijah, »Erbrochenes« (ebenso: gajach, »hervorbrechen«, »sprudeln« von akka gahhu, »Husten«) bedeuten , wie ghiah Kraut heißen kann (vgl. HWbDA 1, 313). Alle diese Deutungen sind aber eher unwahrscheinlich. Auch das Kompositum aus griech. μάνδρα, »Stall« und άγείρο, »sammeln« zu erklären, ist wohl eher nachgereichte volksetymologische Deutung.)
Sicherer ist aber, dass sich der Name Mandragora aus persisch mardom, »Zauber wirkend« herleiten dürfte.
Antike
In Griechenland waren die Früchte der Mandragoras der Göttin Aphrodite geweiht, die daher den Beinamen Mandragoritis trug. Ob hier schon die heute so bezeichnete Alraunwurzel gemeint ist, muss offen bleiben. Bei dem Aristoteles-Schüler Theophrast, der mit μανδραγóραςdie Tollkirsche meinte (Hist. Plant. VI 2,9; †IX 8,8; 9,1), wird die Alraun-Pflanze nun explizit als Aphrodisiacum erwähnt, das von betrügerischen Wurzelgräbern angepriesen wurde. Bei der Ernte sollte die Alraune dreimal mit einem Schwert umkreist werden. Auszugraben war sie dann mit einem nach Westen gerichteten Gesicht. Derweil tanzte ein anderer im Kreis und besang die Liebeskraft.
Nach Gaius Publius Plinius Secundus d. Ä fiel schon Sappho in eine unglückliche Liebe zu Phaon durch die Zauberkraft der Alraunwurzel. Ansonsten lag Plinus bei Theophrast (vgl. Nat. hist. 25,148). Auch Dioskur legte im 1. Jahrhundert zwar das Wort nach dem Bestandteil Κιρκαία, »zur Kirke gehörend« als Liebestrank aus, betonte aber dennoch die Zubereitung und die medizinische Wirkung:
Ob dies in Zusammenhang damit stand, dass die nun auch Galgenmännchen genannte Alraune vor allem unter dem Galgen oder Baum gern wachsen sollte, an dem ein Dieb gehängt worden war, ist fraglich. Den guten Wuchs sollte dann die Bedüngungung mit dem Urin oder dem Spermium des Gehängten bewirken - eine Vorstellung, die die allerding auf die Ernte bezogene Anweisung des Josephus und die aphroditischen Assoziationen auf merkwürdige Weise verschränkte und im Tod fundierte.
Zur erfolgreichen Ernte wurde wie bei den Samen des Farns die Mitternachsstunde zur Johannisnacht vorgeschlagen. (vgl. hierzu auch Knabenkraut, Johanniskraut und Johannishändchen). Auch dann stieß die Alraune noch einen Schrei aus, der nach mancher Überlieferung außer dem Schrecken beim Gärtner nichts bewirkte, nach manch anderer aber sofort dessen Tod herbeiführte. Gerade in diesem Zusammenhang wurde dann auch der Hund des Josephus gern wiederbelebt: Die Ohren mit Baumwolle, Pech oder Wachs verstopft, waren so erst drei Kreuze über dem Alraun zu schlagen, um dann den Hund, an dessen Schwanz die Wurzel befestigt worden war, diese herausziehen zu lassenlassen. So reimt noch Thurneysser:
Hildegard von Bingen, die der Alraun ein ganzes Kapitel in der Causae et Curae widmete, wähnte im 12. Jahrhundert dann den Teufel in der Pflanze wohnen. Auch war das Ernten der Pflanze nun nicht mehr problematisch, jedoch sollte danach der Alraun in queckborn (Quellwasser) gelegt werden, um das Böse aus ihm hinauszudrängen - es sei denn, die Planze sollte explizit zu bösem Zauber verwendet werden. Bei (guter) Heilanwendung sollte die Pflanze dann gegen sexuelle Begehrlichkeiten wirken. Hierzu war eine weibliche Alraune zwischen Brust und Nabel des Kranken anzubinden, dann die Wurzel (?) in zwei Teile zu spalten und über die Lenden zu binden und zuletzt die linke Hand der schon völlig anthropomorph vorgestellten Wurzel zu zerreiben und mit Kampfer gemischt zu essen. Gegen Schwermütigkeit dagegen war hinreichend, die Wurzel mit ins Bett zu nehmen und bei deren Erwärmung ein bestimmtes Gebet zu sprechen. In beiden Fällen konnten Buchentriebe die Alraune ersetzen.
Nach anderen Sagen war, um einen Alraun besitzen und nutzen zu können, in jedem Fall ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Einem verstorbenen Besitzer eines Alrauns musste dann um so dringlicher Brot und Geld in das Grab gegeben werden. (Meyer 1884, 64). Auch das Weiterschenken vor dem Tod löste dies Problem nur bedingt. Denn das Geschenkte ließ sich, so die Vorstellung, nicht weiterverschenken, sondern kehrte immer zum ersten Besitzer zurück. (Manz 1916, 99).
Auch wurden Alraunen nicht nur als Wurzel, sondern auch als Kröte (vgl. Lütolf 1862, 192f.), als goldene Eier legender Drache (vgl. Vernaleken 1859, 260), als undefiniertes Wesen mit rollenden Augen (was die Symptomatik der einer Alraunen-Vergiftung nachempfunden scheint; Rauchholz 1856, II, 43) usw. vorgestellt.
Frühe Neuzeit
Ebenso ausführlich, wie Hildegard, beschrieben die diversen Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts den Aberglauben. (vgl. Fuchs, Kreuterbuch, 1543, cap. 201; Bock, Kreuterbuch, 1551, 336r; Matthioli, Kreuterbuch, Prag 1563). Ab dem 16./17. Jahrhundert fanden sich nun auch zahlreiche Legenden und Fabeln um die Alraunen. Sie gehörten zu den begehrtesten pflanzlichen Talismanen und sollten als Amulette gegen bösen Zauber und bei Verwundungen aller Art helfen.
Mit unechten, aus dem Orient eingeführten Alraunwurzeln, der Wurzel der Zaunrübe, des Blutwurzes (Tormentille), des Wegerichs oder des Knabenkrauts (oft mit dem Schnitzmesser nachbearbeitet) wurde reger Handel getrieben. Bächthold-Stäubli ging sogar davon aus, dass nahezu jede in Europa als Alraune verkaufte Pflanze keine echte war. (HWbDA 1,316). Auch nicht-psychedelisch wirkende Pflanzen, wie Knabenkraut und die Schwertlilie wurden wegen ihrer der Mandragora ähnlichen Wurzel nachgefragt.
Abendländische ›Alraune‹ waren nun aber (im Gegensatz zu orientalischen Originalen) bekleidet! Zudem darf angenommen werden, dass je nach Aufwand der Schnitzerei, die diesen Alraun hervorbrachte, eine Weiterverarbeitung zunehmend unwahrscheinlich wurde. Unklar bleibt auch, ob sich bei der zunehmenden Bekleidung der Figuren schon kirchlicher Einfluss geltend machte und wie sich diese Tendenz (sofern vorhanden), den Liebestrank-Charakter zu entfernen, mit der zunehmenden Vergeschlechtlichung der Wurzeln übereinbringen lässt - die auch dazu führte, dass man männliche von weiblichen Alraunen kaum noch unterschied.
Die Alraunen-Krämer zählten somit zu Recht zu den Gauklern. Ob dies noch eher dem Magieaspekt, oder schon demjenigen der falschen Alraune Rechnung trug, muss ebenfalls offen bleiben. (vgl. HWbDA 1,319). In Hexenprozessen wurde in jedem Fall der erste Aspekt wieder in den Vordergrund gebracht und gegen die entsprechenden Kräuterkundler ausgelegt. Noch in einem Hexenprozess in Rottenburg (Württemberg) von 1650, den Bächthold-Stäubli erwähnte (HWbDA 1, 318 nach Birlinger 1874, I, 162), gestand der Angeklagte, er habe des Nachtens in einem Wald in ein Geschirr onaniert und dieses vergraben, dass daraus ein Glücksbringer entstehe (der insbesondere für Reichtum sorgen sollte).
Nach verschiedenen Gegenden und Sagenbildungen konnte das Geld auch vom Alraun durch den Schornstein hereingebracht werden (vgl. Strackerjan in HWbDA 1, 320), um dann manchmal auf gleichem Wege das Haus wieder zu verlassen. Oder aber der Alraun, zu dem man ein Geldstück legte, verdoppelt dies (ebd.). Ebenso wurde die aphrodisische Funktion erweitert. Über die Geburtshilfe für Schwangere (vgl. Leithaeuser, Bergische Pflanzennamen, 1912, 6; nach HWbDA, a.a.O.) fanden die Alraune dann auch in den Kursus diffuser allgemeine Heilmittel Eingang. (vgl. auch Grimm, Sagen, 75).
Späte Neuzeit
Noch 1820 wurde auf dem Leinberg bei Göttingen ein »Alruneken« mit Hilfe des schwarzen Hundes aus der Erde geholt. Äußerungen der Verwunderung über das Weiterleben des Hundes finden sich aber nicht (HWbDA 1, 319). Als hervorragende Ernteplätze wurden nun auch die Plätze unter dreigipfeligen Haselstauden oder solchen, die von einer Mistel befallen waren, genannt. (ebd.).
Noch um 1890 wurden in Ostpreussen sogenannte Glückswurzeln verkauft, die der gelben Schwertlilie (Iris pseudacorus) entstammten und Reichtum sowie Kindersegen versprachen. (HWbDA 1, 318). Doch neben diesen beiden Aspekten, denen noch dunkel eine Ahnung von der Vermehrung zu Grunde liegen mochte, wurde zunehmend diffus jedwedes Glück an Alraunen gebunden.
Anfang des 20. Jahrhunderts verkaufte nach einer Information von Bächthold-Stäubli (HWbDA 1, 318) das Berliner Kaufhaus Wertheim sogenannte Glücksalraune für 2,25 Mark. Hierbei handelte es sich um Stücke von Allermannsharnisch und von Siegwurz, die in ein Medallion gebracht wurden, um nahezu jedwede positive Veränderung herbeizuführen, für die je der Aberglaube sich Mittel erdacht hat: Sowohl Gesundheit, als auch Glück und Reichtum und zuletzt auch die Liebe der angebeteten Person sollte dies Medallion verschaffen - so bekundete ein beigefügtes Zettelchen.
Und auch die Boland-Schwestern kannten noch die Alraune, die nicht mit der Bryonia verwechselt werden darf, als Talisman mit aphrodisischer Wirkung. Sie warnen vor der narkotischen Wirkung einer Überdosis.
Wirkungsgeschichte
Hans Sachs kannte schon gefälschte Alraunen (Werke 9, hg. v. A. Keller, 16) und Nicolò Machiavelli schrieb mit La Mandragola 1518 eine böse Korruptionssatire. Grimmelshausen kannte das »Galgenmännchen«. Shakespeare kannte die mandrake, wenn er Julia sagen lässt:
In jüngerer Zeit findet sich die Alraune in einer gleichnamigen achtteiligen Erotik-Comicserie von Rochus Hahn und schließlich wurde die Alraune dann vor allem durch die Potter-Romane von Joanne K. Rowling wieder bekannt. Hier wird der Pflanze nun erstmals die magische Wirkung der Rückverwandlung bereits verzauberter Wesen zugeschrieben. Sie zu verwenden müssen die als »schlammüberzogene« und »äusserst hässliche Babys«, denen Blätter aus dem Kopf heraus wachsen beschriebene Alraunen mit »Ohrenschützern« geerntet werden. (vgl. Rowling, Harry Potter und die Kammer des Schreckens, 96f.).
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Der Ursprungsartikel stammt von der deutschsprachigen Wiki pedia (siehe oben: "Original Artikel & Autoren Liste"). Der Text steht unter der GNU Freie Dokumentation Lizenz. |